KELLER THEATER WINTERTHUR

 

WORTORT 2 - LYRIK

ALPHABET - LANGGEDICHT VON INGER CHRISTENSEN

Stimmen: Ariela Sarbacher & Thomas Sarbacher
Musik: Michael Wernli

Eine Koproduktion von sogar theater und Sarbacher
Rechte: Josef Kleinheinrich, Münster


«wie wenn jemand die
zeit zusammengelegt
und durch die tür
in ein zimmer
gepresst hat
»


Inger Christensen bringt in ihrem Langgedicht «alfabet / alphabet» die Juninacht zum leuchten. Denn in diesem fliegenden Sommer begreift keiner, «dass es den Herbst gibt». Die Lyrik der dänischen Autorin verströmt eine schwebende Magie, die einen sofort in ihren Bann zieht – kommt wie auf Schmetterlingsflügeln daher und landet federleicht bei schweren Themen. Und ja: «Die Aprikosenbäume gibt es, die Aprikosenbäume gibt es».


Alfabet, das zweite Hauptwerk von Inger Christensen bezieht sich auf die FibonacciFolge, die nach dem italienischen Mathematiker Leonardo Fibonacci benannte Zahlenreihe, bei der sich jedes Glied der Reihe aus der Summe der beiden vorangegangenen Zahlen errechnet. Eine Folge, die sich auch in der Natur finden lässt, etwa in der Art, wie einige Pflanzen ihre Blätter und Früchte anordnen.
Christensen richtet nach dieser Folge die Länge aller Strophen und Kapitel ihres Gedichts aus, noch in den kleinsten Abschnitt hinein. Dazu kommen die sprachliche Grundformel «gibt es» («findes» im Dänischen) und die Buchstabenfolge des Alphabets. Aber auch Figuren der Wiederholung und bestimmte Satzformen, die ein ums andere Mal variiert werden.
Bis schliesslich aus dem berühmten Anfangsvers «die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es» ein Geflecht von über 1300 Versen geworden ist. Und es wäre noch viel länger geworden, hätte Christensen die Reihe nicht mitten im Buchstaben «n» abgebrochen.
«…ich vertraue darauf,» so hat sie 1986 in einem Gespräch mit dem norwegischen Schriftsteller Jan Kjærstad geäussert, «dass, wenn ich etwas schreibe, das teils ich selber bin, teils in der Welt ist – in diesem Falle also Mathematik -, dass diese Kombination aus den Zahlen und meinen Worten so etwas wie ein natürlicher Organismus wird.»

Die dänische Dichterin Inger Christensen ist immer wieder als Kandidatin für den Literaturnobelpreis gehandelt worden, die bedeutendste Literaturauszeichnung der Welt bliebt ihr jedoch untersagt.