KELLER THEATER WINTERTHUR

 

DAS GROSSE HEFT

EIN MUSIKTHEATER VON LE COLLECTIF BARBARE NACH AGOTA KRISTOFS LE GRAND CAHIER

 

Mit Vera Kardos, Irina Ungureanu
Stimme: Hannes Rudolph, Isabelle Menke
Konzept, Regie: Astride Schlaefli
Dramaturgie, Produktion: Fabienne Naegeli
Technik, Ton: Christian Kuntner
Licht: Michael Omlin
Sounddesign: Studio Tonteich
Objektcoaching: Priska Praxmarer

 

ZUM STÜCK
Es ist Krieg. Aus dem Bombenhagel der Grossen Stadt bringt die Mutter ihre Zwillinge zur verarmten Grossmutter in ein namenloses Dorf an der Grenze. Ohne Schutz und Fürsorge wachsen die beiden Jungen auf. Was sie zum Leben brauchen, bringen sie sich selber bei. Gegen die Gefühlskälte, die körperlichen Schmerzen, das Grauen des Krieges härten sie sich ab. Im grossen Heft halten sie ihr Dasein fest, den Ausnahmezustand als Alltag.

In einer beklemmend kargen, lakonischen Sprache beschreibt die ungarisch-­‐schweizerische Schriftstellerin Ágota Kristóf in ihrem Roman „Das grosse Heft“ die physischen und psychischen Grausamkeiten, die das Leben der Brüder prägen. Ihr emotionsloses Erzählen, eine Aneinanderreihung von Fakten, ihr unerbittlicher Stil decken die gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse auf und zeichnen ein Bild aus szenischen Miniaturen mit erschreckend universeller Anwendbarkeit. Am Beispiel der Zwillinge wird sichtbar, wie sich das Schicksal auf die Entwicklung und Moralvorstellungen auswirkt. Das Erzählen der Jungen führt zu einem Schwanken zwischen Abscheu vor dem Beschriebenen und Faszination für das „Wie“ des Dargestellten.

 

DIE AUTORIN
Ágota Kristóf (1935–2011), aufgewachsen in Kőszeg an der österreichisch-­‐ungarischen Grenze, floh nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes 1956 mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in die Schweiz nach Neuenburg. Dort arbeitete sie in einer Uhrenfabrik, erlernte die ihr bis anhin fremde Sprache und begann auf Französisch ihre Kindheitserinnerungen niederzuschreiben. Daraus entstand 1987 der Antikriegsroman „Das grosse Heft“. In ihren Werken spiegelt sich das Drama von Emigration, Entwurzelung und Einsamkeit. Der Verlust der Kindheit, der Familie und der Heimat durch den Krieg, die Flucht und ihre Folgen waren ihre Lebensthemen. Das Schreiben wurde für sie und ihre Romanfiguren zum Versuch, den Schmerz auszuhalten und das Leben zu bewältigen.

 

ZUR INSZENIERUNG
Ein Musiktheater, gespielt von einer Violonistin aus Ungarn und einer Sängerin aus Rumänien, mit  einer Licht- und Toninstallation, die sie von der Bühne aus bedienen. Mittels einer Offstimme, einem vielfältigen Instrumentarium, Live­‐Klängen und Tonaufnahmen erzählen die Darstellerinnen die Geschichte zweier neunjähriger Jungen, Zwillinge, der Protagonisten des Antikriegsromans „Das grosse Heft“ von Ágota Kristóf.

Wie die Brüder, so entwickeln die beiden Musikerinnen eine eigene Logik des Erzählens. Der Hellraumprojektor wird zur Grossmutter, der Tisch zum Puppenhaus, komponiert wird ein Schattenwald mit Nüssen, Pflanzen und Schmetterlingen, das Tonband dient der Beweisführung beim Verhör und ist zugleich Musikinstrument, ein Wandtafelschwamm erklingt als Fluss und der Wasserkocher wird zum verkohlten Leichenberg. Mit Gläsern und Geigenbogen, Spieluhren, Patronenhülsen, Stricknadeln, Sonnenblumenkernen und Harfen musizieren die Darstellerinnen. Aus einfachen Mitteln entsteht eine Welt zwischen Zauber und Kriegsrealität, eine Bühne ähnlich einem Filmset, auf dem die zwei Frauen als Figuren agieren, Szenen spielen und das Dasein der Zwillinge beobachten, wie es sich in seiner Magie und Brutalität zeigt.

DAS GROSSE HEFT ist ein Musiktheater über Einsamkeit und Entwurzelung, Gewalt und Grausamkeit, über Ágota Kristóf und ihre Biografie, mit Kompositionen von György Kurtág, Béla Bartók und traditioneller Volksmusik aus Rumänien und Ungarn.

 

MUSIK
György Kurtág: Kafka-­Fragmente
Béla Bartók: 44 Duos für zwei Violinen, Sz. 98, BB 104 und Sechs rumänische Volkstänze, Sz. 56, BB 68
Traditionelle Volksmusik aus Ungarn und Rumänien